Was ist AuDHS?

AuDHS der Überblick

Nachdem ich die beiden Diagnosen, Autismus und ADHS, erhalten habe, habe ich gespürt, wie eine Last von mir gefallen ist. Endlich wusste ich, dass ich nicht verrückt oder kaputt bin. Nein, ich bin einfach anders.

Wie ich bin entspricht nicht einem neurotypischen Menschen, aber auch nicht einer rein autistischen oder rein ADHS Person. Es ist eher Autismus und ADHS in einen Mixer geworfen und kräftig gerührt und zerhäxelt. Es ist eine Mischung aus Merkmalen von beidem, wobei sich manche der klassischen Merkmale gegenseitig aufheben oder verstecken können. Aber auch eine Verstärkung mancher ist durchaus möglich.
Das macht die Diagnostik, die offiziell erst seit 2013 mit der Einführung des Kriterienkatalogs für psychische Erkrankungen DSM-V möglich ist, tricky. Und es führt nicht selten dazu, dass man mit Autismus oder ADHS erst spät im Leben diagnostiziert wird und dann irgendwann noch die zweite Diagnose dazu kommt. Betrachtet man aber die Prävalenz von Autismus und ADHS, merkt man rasch, dass die Kombination dieser beiden Neurotypen gar nicht so selten auftritt.

Je nach Studie variieren die Zahlen. Dies vor allem auch, weil häufig nur Kinder untersucht und nicht immer alle Altersgruppen betrachtet werden.
Nimmt man die EPINED Studie aus dem Jahr 2024, so kann festgehalten werden, dass:

  • 40% bis 50% aller autistischer Personen auch Merkmale von ADHS haben
  • Rund 9.8% der Kinder mit ADHS auch Merkmale von Autismus aufweisen
  • bei 0.51% der Bevölkerung eine Komorbidität von Autismus und ADHS auftritt (Bekanntermassen schwanken solche Prävalenzen zwischen Ländern und Kontinenten)

Grob kann man also sagen, dass wenn man in einer Selbsthilfegruppe für Autist*innen sitzt, jede zweite Person auch die Kriterien für eine ADHS Diagnose erfüllt. Und dennoch gibt es kaum Informationen oder wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Doppeldiagnose. Selbst die Frage, ob es sich bei AuDHS um einen eigenständigen Neurotyp handelt oder nicht, ist aktuell nicht geklärt.
Die Community ist hier meiner Meinung nach schon weiter: Hier sagt man relativ klar, dass man nicht einfach sagen kann Autismus + ADHS = AuDHS. AuDHS ist für sich gesehen so einzigartig, dass man von einem eigenen Neurotyp ausgehen kann.

Ich persönlich finde es sehr spannend in der Community die Berichte der Personen zu verfolgen. Sie zeugen von einer Individualität in höchstem Ausmass, aber dennoch von einem Erfahrungsschatz, der allen gleich ist. Und dieser ist nunmal nicht die Summe von autistischen Merkmalen und ADHS Merkmalen. Nein, es ist ein wildes Kombinieren, Retuschieren, Aufsprengen der bekannten Kriterien. Eben, als würde man es in einen Mixer werfen und schauen, welche Konsistenz und Farbe dabei rauskommt. AuDHS scheint sein eigenes Spektrum zu sein.

Merkmale von Autismus, ADHS und AuDHS

Es wird noch einen expliziten Beitrag über die jeweiligen Merkmale im Detail geben. Aber im Folgenden gebe ich einen groben Überblick, um davon die Besonderheiten des AuDHS ableiten und erklären zu können.

Werfen wir also einen Blick auf die klassischen Merkmale von Autismus:

  • Routinen und Strukturen sind wichtig und geben Sicherheit und das Gefühl alles im Griff zu haben
  • Vorhersehbarkeit und Pläne geben innere Ruhe, was von aussen betrachtet mit unter als rigides Verhalten gesehen werden kann
  • Soziale Interaktion und Kommunikation fällt vielen autistischen Personen schwer, weshalb viele eher introvertiert sind (Wobei man sagen muss, dass bei dem richtigen Thema durchaus ein Redeschwall entstehen kann ;) )
  • Häufig werden Situationen in 1000 möglichen Varianten durchdacht, ein ständiges Hinterfragen von „was - wenn?“ 
  • Reize, über alle Sinne hinweg, können schlechter gefiltert werden. Teilweise fühlen sich die kleinsten Reize bereits schmerzhaft an und führen regelmässig zu Überstimulierung
  • Wiederkehrende Handlungen oder Bewegungen helfen das Nervensystem zu regulieren. Verschiedene Arten des Stimmings (selbststimulierendes Verhalten) wie das bekannte Wippen mit dem Oberkörper, oder auch Echolalie zählen beispielsweise dazu
  • Eine ausgeprägte Wahrnehmung für Details und Muster
  • Schwierigkeiten eigene Emotionen wahrzunehmen kommt ebenfalls häufig vor, aber das Wahrnehmen von Emotionen anderer Personen ist mitunter verstärkt. Dummerweise ist es dann häufig den Autist*innen nicht oder nur schwierig möglich angemessen darauf zu reagieren 
  • Auch kommt es häufig vor, dass Personen nicht von einer Situation A auf eine Situation B schliessen können. Also das Übertragen des gesammelten Wissens auf eine ähnliche Szene.
  • Probleme mit Transition: Das Wechseln zwischen Aktivitäten oder Situationen kann herausfordernd und anstrengend sein, da die Verarbeitung längere Zeit in Anspruch nimmt
  • Meltdown und Shutdown als Reaktionen auf ein aus den Fugen geratenes Nervensystem; wobei beide je nach Person unterschiedlich ausfallen können
  • Manche autistischen Personen sind nicht sprechend. Verbal können sie jedoch durchaus sein: Durch AAC oder klassisch schriftlich können sie sich genauso gut mitteilen, wie sprechende Personen
  • Selektiver Mutismus kommt ebenfalls immer wieder bei autistischen Personen vor. Hier ist es den Betroffenen in einer Situation nicht mehr möglich zu sprechen, weil sie keine Energie mehr dafür haben.

Die Liste könnte man sicherlich endlos weiter führen, aber an dieser Stelle soll es diese groben Darstellung reichen, zumal wie bereits erwähnt, wird ein eigenständiger Beitrag zum Thema Merkmale verfasst. Ausserdem sind die offiziellen Kriterien am Ende dieses Artikels unter den Ressourcen verlinkt.

Werfen wir nun einen Blick auf die typischen Merkmale von ADHS:

  • Schwierigkeiten die Konzentration oder den Fokus zu halten. Aber Achtung: wenn eine Personmit ADHS an etwas Spannendem dran ist, dann tritt das Gegenteil ein. Ein Hyperfokus - also ein so tiefer Fokus, dass man nichts mehr von der Umgebung oder von intrinsischen Bedürfnissen wahrnimmt.
  • Sehr viele der ADHSler*innen sind in irgendeiner Form unorganisiert und vergesslich
  • Nie ist Ruhe im Kopf: U.a. alle paar Sekunden neue Gedanken, komplettes Verfassen von Gesprächen die nie stattfinden werden, kommentieren was man gerade in der Umgebung sieht, etc. 
  • Einige ADHSler*innen weisen eine niedrige Impulskontrolle auf 
  • Häufig tritt ein schwach ausgeprägtes Verständnis/Einschätzen von Risiken auf
  • Prokrastination: Schwierigkeiten Dinge anzufangen, vor allem wenn sie das Interesse nicht ansprechen 
  • Emotionen, die in sehr kurzer Zeit stark schwanken können, und dabei für die Person schwierig zu managen sind Hyperaktivität, entweder im Aussen (der klassische Zappelphilipp) oder im Inneren (u.a. Gedankenrasen)
  • Im sozialen Kontext fallen ADHS Personen häufig durch viel Reden und dem Unterbrechen von anderen auf
  • Viele weisen eine erhöhte Kreativität auf und haben ständig neue Ideen, die dann auch möglichst sofort umgesetzt werden müssen (Hallo Impulskontrolle!)
  • Schwierigkeiten mit dem Zeitmanagement: Vor allem das Nicht-Einschätzen können wie lange etwas dauert, führt zu dem klassischen chronischen Zu-Spät-Kommen
  • Das schnelle Verlieren von Interesse ist ebenfalls ein signifikantes Merkmal, wobei sich Langeweile dabei physisch schmerzhaft anfühlen kann
  • Reize aus der Umwelt können schlechter gefiltert werden. Teilweise fühlen sich die kleinsten Reize bereits schmerzhaft an

Auch diese Liste ist nicht abschliessend.
Bei ADHS unterscheidet man zudem zwischen drei Typen, die entsprechend eine andere Ausprägung der Merkmale haben:

  • überwiegend hyperaktiv/impulsiv (ADHS-HI) ist
  • überwiegend unaufmerksam (ADHS-I) oder
  • kombiniert hyperaktiv/impulsiv und unkonzentriert ist (ADHS-C)

Ich kann aus meiner Perspektive nur über den kombinierten Typus reden. Ebenfalls werde ich der Einfachheitshalber nur von ADHS schreiben, meine aber den ADHS-C Typus.

Bei den Aufzählungen von Merkmalen des Autismus und ADHS fällt schnell auf, dass es sich hierbei nicht um die offiziell formulierten und Diagnosen zu Grunde liegenden Kriterien handelt. Vielmehr kommen sie aus den Erfahrungsberichten von Autist*innen und ADHSler*innen, also direkt aus den Communities sowie aus publizierten Quellen.

AUDHS - Die Mischung Macht's

Was sowohl Autismus als auch ADHS gemein haben, sind der enorme Energieverbrauch den man an einem Tag hat und ein ständig gestresstes Nervensystem. Auch sind Menschen mit einem der beiden Neurotypen Spezialist*innen im maskieren, also dem Verstecken ihrer Besonderheiten, Schwierigkeiten, Stärken, Interessen. Dem Thema Maskieren wird ein eigenständiger Artikel gewidmet, weshalb ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen werde.

Schon bei einem groben Blick über die beiden Listen erkennt man, dass sich manche Merkmale jedoch stark widersprechen, wie diese Beispiele zeigen:

  • Das Bedürfnis nach Routinen und Strukturen versus einem impulsiven Verhalten mit ständig neuen Ideen und dem Drang Dinge sofort angehen zu müssen.
  • Das schnelle Verlieren des Interesses ist beim Einhalten von Routinen ebenfalls hinderlich.
  • Probleme mit Transitionen, aber das Bedürfnis „schnell“ aus einem Impuls heraus zu handeln.
  • Schnelles Wechseln von Emotionen durch ADHS, aber diese nicht erkennen und nicht managen können, durch Autismus.

Manche Merkmale ergänzen sich aber auch teilweise sehr gut, sodass die Person fast neurotypisch wirken kann.

  • Die Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation des Autismus gepaart mit dem eher redefreudigen und aktiven Auftreten des ADHS.

Aber auch ein Verstärken ist durchaus möglich, wenn zwei ähnliche Merkmale aufeinander treten:

  • Beide Neurotypen neigen zu einer veränderten Verarbeitung von Reizen. In Kombination kann es dazu führen, dass jede Art von Reiz das Nervensystem in unfassbarem Ausmass überlasten.


Meine Erfahrung

Für mich bedeutet AuDHS einen ständigen Widerspruch im Inneren. 
Als würden zwei Kräfte in mir gegeneinander kämpfen und mich fast zerreissen.

  • Ich liebe Action und will regelmässig irgendetwas Neues und Aufregendes, aber gleichzeitig brauche ich Ruhe, Struktur und Stabilität.
  • Ich bin wie ein Flummiball, der auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen möchte - aber bitte mit nur wenigen Wohlfühl-Menschen, ohne Reize, mit strukturiertem Tagesplan und maximaler Sicherheit und Möglichkeit zum Rückzug.
  • Visuell überladene Räume oder Szenen irritieren und überfordern mich schnell - gleichzeitig sieht ein Raum keine 15 Minuten nach meinem Aufräumen wieder so aus, als wäre ein Tornado durchgefegt.
  • Alles muss in der Art und Weise und Reihenfolge erledigt werden, wie ich es gewohnt bin - wird aber regelmässig durchkreuzt in einem Anfall von Vergessen, Ablenkung und Prokrastination.

Ich könnte diese Aufzählung ewig weiter führen. Mitunter ist es tatsächlich sehr amüsant, wenn ich mir zwischendurch einen Moment vor Augen führe.
Aber mehrheitlich ist es ein anstrengendes Leben, wenn man bei dem Versuch den Alltag und die Arbeit bestmöglich zu wuppen, von einer Überforderung in die nächste rutscht und dabei versucht nicht aufzufallen. Wenn die Selbstzweifel stetig wachsen, weil man wieder etwas nicht geschafft oder etwas vergessen hat. Wenn das Chaos das man anrichtet, oder die autistischen Bedürfnisse, Auswirkungen auf die Personen hat die man liebt.

Wenn ich versuche zu visualisieren, wie AuDHS sich für mich anfühlt, dann so als hätte ich zwei Kobolde im Kopf.

Der ADHS Kobold:

  • Er regiert das Chaos
  • Er ist dafür verantwortlich, dass ich nie Ruhe habe im Kopf, sondern es wie ein gleichzeitiges Laufen eines Radios und Fernsehers ist - wobei der Fiesling ständig die Sender wechselt und dazu tanzt. An Konzentration und Fokus ist hier echt nicht zu denken
  • Dinge die ich mir merken oder machen wollte, die ich mein Leben lang bereits gemacht habe, löscht er kurzerhand mit einem Tipp-Ex aus
  • Er schafft es mich von Null auf 100 in wenigen Millisekunden zu bringen: Sei es bei den Emotionen, bei Impulsverhalten, Langeweile oder Hyperfokus. Entweder ganz oder gar nicht
  • Obwohl er wie ein pubertärer Teenager auf Stark macht, ist er der Auslöser für unfassbar tiefe und physisch schmerzhafte Angst vor Ablehnung

Der Autismus Kobold:

  • Er ist häufig der vorsichtige Spielverderber und auf ihn trifft das Sprichwort „Stille Wasser sind tief“ durchaus zu.
  • Möglichst genaue Pläne und Strukturen geben ihm Sicherheit und Ruhe
  • Änderungen an Bekanntem oder gar vollkommen Unbekanntes oder Unerwartetes stören das Sicherheitsempfinden dagegen massiv, was zu Überforderung und Stress führen kann
  • Schnell zwischen Tätigkeiten oder Zuständen wechseln führen zum Erstarren dieses Kobolds; Diese Transitionen müssen sanft vollzogen und vor allem im Nachhinein lange verarbeitet werden.
  • Er ist ein grosser Denker - Alles wird in 1000 Varianten durchdacht:
    • der Weg zu einem Termin, ein geplantes Grillfest, eine zu formulierende Mail oder SMS, uvm. Was könnte schiefgehen, was muss berücksichtigt werden, was wenn, was wenn, was wenn??
    • Viele Gespräche werden im Kopf geskriptet, auch auf die Gefahr hin, dass die Gespräche nie stattfinden werden. Auch hier wieder in mehreren Varianten, weil man ja nicht weiss, welche Richtung ein Gespräch gehen wird. Das betrifft vor allem Therapiegespräche, Arzttermine, administrative Telefonate, Gespräche im Arbeitskontext oder Studium, etc.
    • Fehlt ein Puzzlestück in einer Überlegung, bricht bei dem Kobold Panik und vollkommene Panik aus, oder er verfällt in eine Paralyse.

Alleine anhand dieser kurzen Beschreibungen wird deutlich, dass mein Hirn eigentlich ständig einem Hin und Her ausgesetzt ist oder sich alles schnell potenziert.

Aber obwohl es sehr anstrengend ist, so hat diese „Mischung“ auch seine positiven Seiten, wie ich persönlich finde.
Ich sehe die Welt anders als die meisten Menschen. Ständig entdecke ich Details, die mir unfassbare Freude und Emotionalität bringen, die anderen entgehen. Und die Geschwindigkeit in der ich diese Details oder auch Muster erkenne ist enorm hoch, denn meine Aufmerksamkeit wird ständig von einem zum nächsten gezogen.
Ich bin kreativ, vor allem in der Lösungsfindung. Und dabei denke ich an 1000 Szenarien, denen die Lösung stand halten muss.
Auch wenn viele autistische oder ADHS Personen Schwierigkeiten mit dem Autofahren haben, so ist es für mich eine Wohltat, die mich beruhigt und die ich stundenlang machen kann. Das schnelle Erkennen von kleinsten Veränderungen oder Abweichungen, lässt mich sehr reaktionsschnell handeln. Andere Verkehrsteilnehmer sind für mich wie ein rollendes Muster, das Fehlverhalten anderer sind bekannte Anomalien, die in den 1000 Szenarien berücksichtigt werden. Und zu guter Letzt ist das Auto ein Safespace der mich vor sozialen Interaktionen mit fremden Personen und vor Reizen abschirmt.

Ich habe das Gefühl, dass obwohl meine Kobolde in ständigem Widerspruch sind, sich gegenseitig aufstacheln und mir das Leben schwer machen, sind ihre Eigenschaften in manchen Situationen auch ausgeglichen, und gerade die Mischung ermöglicht mir die Welt einzigartig wahrzunehmen.
Ich wäre ein vollständig anderer Mensch, wenn mir einer der beiden Bestandteile von AuDHS fehlen würde. Und das will ich definitiv nicht sein.

Reesourcen

  • https://www.adxs.org/de/page/50/die-praesentationsformen-subtypen-von-adhs-adhs-hi-ueberwiegend-hyperaktiv-adhs-c-mischtyp-adhs-i-ads
  • Canals, J., Morales-Hidalgo, P., Voltas, N., & Hernández-Martínez, C. (2024). Prevalence of comorbidity of autism and ADHD and associated characteristics in school population: EPINED study. Autism Research, 17(6), 1276–1286. https://doi.org/10.1002/aur.3146
  • DSM-V:
    • https://psychiatryonline.org/dsm
    • https://www.autismspeaks.org/autism-diagnostic-criteria-dsm-5 
  • ICD-11
    • https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html
    • https://move-autismus.de/autismus-spektrum-stoerung-nach-icd-11/
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